Ernesto Neto

From Sebastian to Olivia


29. September bis 17. November 2007

Ein organisches Gesamtkonzept präsentiert der brasilianische Künstler Ernesto Neto in seiner zweiten Einzelausstellung bei der Galerie Max Hetzler in den OsramHöfen (Oudenarder Str. 16-20, Berlin-Wedding). In der Auseinandersetzung mit der Idee von einer Gleichzeitigkeit innerer und äußerer Strukturen verbindet Neto in seinem Formenvokabular soziale Interaktion mit Biologie und Architektur. Der Titel From Sebastian to Olivia verdeutlicht das Thema der verdichteten Raumwelt: Beide gegensätzlichen Pole durch sowohl organisch-sinnliche, als auch soziale Atmosphäre durch den Raum hindurch zu verbinden.

„Ich bin Skulptur und denke als Skulptur“ sagt Neto und beschreibt damit seine Auffassung, dass auch Skulptur ein lebender Organismus ist, der jegliche Grenzen überschreitet.

Diese Verwischung der Grenzen zeigt der Künstler neben diffusen Licht- und Duftkomponenten, mit vier begehbaren Treppen, einem Aussichtsplateau, einer Schaukel, mehreren Hockern, Sitzobjekten und Skulpturen, sowie vier Gewürzzeichnungen und einer farbigen Wandskulptur. In der als organische Membranwelt gestalteten Ausstellungshalle verbinden sie die verschiedenen Raum- und Sinnebenen. Jedes Element ist als Einzelarbeit und auch als Bestandteil der Gesamtarbeit zu verstehen.

Wie eine gespannte Innenhaut zerteilt durchsichtiges Lycragewebe den Ausstellungsraum in zwei Ebenen, die durch einige Öffnungen verbunden bleiben. Von den vier Treppen und dem Aussichtsplateau kann man die obere Raumhälfte überschauen und gleichzeitig wie durch eine Gewebemembran hindurch in die untere Ebene blicken.

Erstmals zeigt Neto Skulpturen die aus leichtem MDF-Plattenmaterial sind und wirken, als seien sie wie riesige Kinderspielzeugteile zusammen gesteckt. Über zwanzig Sitzmöbel und mehrere tierförmige Skulpturen sind im Steckverfahren gefertigt. Mit diesem überdimensionierten Kinderspielzeug enthierarchisiert Neto die Kunst, indem Spielzeug zur Skulptur wird. Andererseits verweist er auch mit dem Hocker und mehreren Sitzobjekten auf Situationen im Übergang zwischen Liegen und Stehen sowie Berührung, Empfindung und Betrachtung.

Die Wandarbeiten aus bunten Baumwollstreifen aus der Serie Dry Color Series sehen wie Zellkolonien aus, die auf der Wand wachsen. Das farbige Textilband markiert eine sowohl organische, als auch eine malerische Linie zwischen den Membranen. Die Arbeit ist gleichzeitig Malerei, Relief auf der Wand und verbindet skulpturale Elemente mit Textilarbeiten.

Auch die vier Zeichnungen erweitern das Medium: Durch unterschiedliche Gewürze, die auf die Papieroberfläche geworfen wurden, entstehen pudrige Spuren, die duften und aus der Zweidimensionalität der Oberfläche mehrdimensional in den Raum hineinwirken und den Betrachter sinnlich mit einbeziehen.

Ernesto Neto steht dem Sinn von Kunst und dem, was zur Kunst erhoben wird, skeptisch gegenüber und versucht in seinen Installationen mit dem menschlichen Körper, alltäglichen Materialien und Oberflächen sowie Strukturen Verbindungen und soziale Räume zu schaffen.

Der Künstler wird zur Eröffnung anwesend sein.

Die Eröffnung ist am 29. September von 18-22 Uhr. Am Sonntag, dem 30. September ist die Galerie von 11-18 Uhr geöffnet.

Zur Ausstellung ist ein Katalog in Vorbereitung.


Der Künstler wurde 1964 in Rio de Janeiro (Brasilien) geboren, wo er auch lebt und arbeitet.

Ernesto Neto stellte weltweit in Institutionen und Museen aus, darunter im Panthéon, Paris (2006); Carnegie Museum of Art, Pittsburgh (2006); MCA, Chicago (2006); Malmö Konsthall, Malmö (2006); Daros Foundation, Zürich (2006); MoMA, New York (2005); TBA 21, Wien (2005); MCA, Chicago (2005); Museum of Contemporary Art, San Diego (2004); MoCA Los Angeles (2003); Kunsthalle Basel (2002); 49. Biennale, Venedig (2001); Centro Galego de Arte Contemporaneo, Santiago de Compostela, Spanien (2001); ICA, London (2000); Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid (1999); Serpentine Gallery, London (1997) und Museo de Arte Moderna de São Paulo (1992).

Zur Zeit in der Zimmerstrasse: Bridget Riley (bis zum 27. Oktober) und nächste Ausstellung: Sarah Morris (03.11.-22.12.2007).

Für weitere Fragen kontaktieren Sie bitte die Galerie unter +49(0)30 229 24 37.

 

 

 

 

 

 

Text Olivia Maria Franke


Die außergewöhnlichen architektonischen Dimensionen der Galerie Max Hetzler in den OsramHöfen schaffen eine spezifische Situation, die Ernesto Neto zu seinem einzigartigen Ausstellungskonzept „From Sebastian to Olivia“ inspirierte. Die Erfahrung, dass zwei Menschen einen Raum miteinander teilen und durch nichts anders als dessen Architektur von einander getrennt sind und sich so weder begegnen noch miteinander kommunizieren können, veranlasste Neto zu einer komplexen Installation. Strukturell illustriert sie Isolation und Einsamkeit der männlichen wie der weiblichen Sphäre, indiziert jedoch gleichzeitig die Möglichkeit eines Kontaktes.

Die männlichen Qualitäten Direktheit und Kraft verdichten sich in einer schwer von der Decke herab hängenden Textilskulptur. Sie überschreitet die Praxis des reinen Sehens, denn starke Gewürze (Nelke, Pfeffer, Kurkuma, Kreuzkümmel) durchdringen den semitransparenten Stoff, färben ihn und treten in olfaktorischen Kontakt mit dem Betrachter. Durch die L-förmige Architektur räumlich vom „Sebastian-Bereich“ getrennt, dominiert eine opake zylindrische Installation den „Olivia-Bereich“. Erst wenn man durch die sterile Außenhaut aus weißer Baumwolle in ihr Inneres tritt, zeigt sich eine darin verborgene Lichtquelle in Zwillingsgestalt. Dieses Paar grün und orangefarbenen Lichts erinnert an den Wunsch nach Wieder-herstellung der ursprünglichen Einheit der Menschen, wie Aristophanes ihn in Platons Symposium beschreibt.

Die männliche und weibliche Sphäre inszenieren Polaritäten – Transparenz vs. Opazität, vorwärts drängend vs. zurückhaltend –, die Neto durch eine Material gewordene Vision der Einheit miteinander harmonisiert: Durch eine semitransparente Lycramembran, die den gesamten Raum überspannt und gleichsam wie ein tief liegender Horizont ein Diesseits und Jenseits kreiert.
 
Ebenerdig wachsen verschiedene Objekte weit in den Raum hinein und durch Öffnungen in der Membran hindurch bis in die zweite Ebene. Die rundlichen Komponenten dieser Skulpturen aus leichtem MDF-Material gehen miteinander natürliche Verbindungen ein, die ein Verfestigen durch Nägel oder Schrauben überflüssig werden lassen. Die Flexibilität dieser zoomorphen und pflanzenhaften Architekturen wird zur Grundlage ihrer Stabilität. Da jedes Einzelelement dem Prinzip des Zahnrades folgt, birgt jede Form hunderte andere mögliche Erscheinungen in sich.

Zugang zur oberen Ebene ermöglichen vier kleine Treppen sowie eine hölzerne Aussichtsplattform. Hier kann der Blick ungehemmt umherschweifen. Was eben noch wie ein textiler Horizont wirkte, gleicht nun einem weißen, sanft gewellten Ozean, der unter sich pastellfarbenes, ungewöhnliches Mobiliar begräbt, das nur schwach durch die Membran hindurch schimmert. Anders als bei den verspielten Skulpturen limitiert hier Funktionalität die Form.

Hier und dort durchbrechen runde Öffnungen im textilen Horizont die Trennung: Sie ermöglichen Durchblicke auf die ebenerdigen Skulpturen und ihre von der Decke tropfenden Widerparts, oder sie leiten den Blick zu den Wänden an denen sich ein farbenreiches Baumwollrelief zeigt sowie zwei Gewürz-zeichnungen ihre Fähigkeit demonstrieren, auf feinstoffliche Art zu berühren.

Jedes Objekt in Ernesto Netos Raumkonzept scheint seine Berührbarkeit und Kontaktfähigkeit zu inszenieren und wird so zu einer Metapher für das Überwinden von Isolation. Denn Isolation ist artifiziell – genauso wie ihre Aufhebung in Netos Installation.