Barry Flanagan - Galerie Max Hetzler
Barry Flanagan, daylight light piece 3 '69, 1969, photo: The Estate of Barry Flanagan, courtesy Plubronze

Wir freuen uns, Sie auf Imaginary Solutions, eine Einzelausstellung von von Barry Flanagan (1941–2009) mit Skulpturen, Filmmaterialen und Arbeiten auf Papier aus fünf Jahrzehnten seines Schaffens aufmerksam machen zu dürfen.

Barry Flanagan, der zu den erfindungsreichsten und charismatischsten Bildhauern Großbritanniens zählt, arbeitete von 1960 bis zu seinem frühen Tod im Jahr 2009 in einer Vielzahl von Medien und Stilen. Sein Schaffen umfasste nicht nur konkrete Materialien, sondern auch schwer fassbare Formen wie Tageslicht, Mondlicht und andere Lichtquellen sowie Klang oder dessen Absenz, die für Flanagan ebenso zum Wesen der Skulptur gehörten wie Gewicht und Volumen. In seiner Arbeit konnten alle Materialien, von Industriesand über Stoff, Stein, Ton und Metall, zu einer bildhauerischen Form werden. Außerdem sprach er über den Geruch von Objekten und ihre einzigartige Beschaffenheit. Nachdem er sich in den 1960er und 1970er Jahren mit dem Minimalismus beschäftigt hatte, wandte sich Flanagan 1979 der Figuration zu und wurde später vor allem für seine Bronzestatuen mit biomorphen Formen bekannt, die auf Tiere, menschliche Figuren und mythologische Wesen anspielen.

In dieser Ausstellung finden wir Beispiele von Flanagans frühesten konzeptuellen Arbeiten, die auf Serialität, Wiederholung, Farbe und den prozessorientierten Anliegen des Minimalismus basieren, bis hin zu den Collagen auf Papier, die sich mit der Erforschung der Natur des Materials ebenso wie der Form befassen, den figurativen Bronzen der 1980er und 90er Jahre bis hin zu seinem Silberguss Croissant in Silver (Bread Roll) von 2006. Das früheste ausgestellte Werk, metal 2 '64, 1964, ist ein intelligentes und humorvolles Werk, das die von seinem Lehrer Anthony Caro vertretene Haltung zum Formalismus zitiert und hinterfragt. Während Caro feste Strukturen und glänzende Farbe verwendete, ist metal 2 '64, obwohl es aus ähnlichen geborgenen Materialien hergestellt wurde, absichtlich instabil und unvollendet. Drei Werke aus Flanagans 1969 entstandener Serie ‘daylight light piece’ sind von subtiler und poetischer Qualität: Lichtstrahlen werden auf eine leere Ecke des Ausstellungsraums, eine zerknitterte blaue Leinwand bzw. ein an die Wand geheftetes Stück Stoff projiziert, was den Betrachter unvorbereitet trifft und die Aufwertung des Lichts als skulpturales Material durch den Künstler verdeutlicht. 

In den späten 1960er Jahren begann Flanagan in Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Gerry Schum in Scheveningen an der niederländischen Küste mit der Arbeit an dem Kurzfilm A Hole in the Sea, 1969. Der Film dokumentiert das allmähliche Verschwinden eines im Sand eingegrabenen Hohlzylinders mit den wechselnden Ebben der Nordsee und setzt sich mit dem Land als skulpturalem Medium auseinander – eine Kunstform, die unter dem Begriff Land Art weithin bekannt wurde. Zu sehen sind drei ‘hole in the sea’-Filmstills aus den Jahren 1967-1970. Während der Film damit endet, dass Flanagan den durchsichtigen Glaszylinder aus dem Sand entfernt und damit das Rätsel des Lochs aufgibt und es als Skulptur enthüllt, bewahren die drei aus der Vogelperspektive aufgenommenen Fotoabzüge auf Papier dessen Mystik.

Die Ausstellung zeigt auch mehrere Arbeiten auf Papier, darunter eine Serie unbetitelter Collagen, die 1968 aus farbigen, auf leere Blätter aufgeklebten Formen von Kinderklebepapier entstanden. Die taktilen Eigenschaften der Collagen mit ihren zerrissenen, ausgefransten Rändern zeigen Flanagans Experimentieren mit verschiedenen Effekten und sind eine Vorwegnahme seiner späteren Metallarbeiten. Eine andere Serie, ‘Jan 70’ von 1970, veranschaulicht seine Faszination für das Transaktionsgeschehen in der Kunst, im Geld und im Leben: Die blauen Tuschemuster bestehen aus den Daumenabdrücken des Künstlers auf Papier, die mal dicht, mal sehr spärlich, mal regelmäßig, mal unregelmäßig angeordnet sind und ästhetische und komplexe Bilder entstehen lassen, die mit den Begriffen Autorschaft und Eigentum spielen.

In den späten 1970er Jahren begann Flanagan mit mehrdeutigen Formen zu experimentieren, die durch phantasievolle Interpretationen von Tieren eine Brücke zwischen Mythologie und Realität schlugen. Der Hase, mit seiner reichen Symbolik aus der christlichen und heidnischen Mythologie, seinen schamanischen Eigenschaften, seiner Lebenskraft und Eleganz, regte die Fantasie des Künstlers in einer Weise an, die für den Rest seiner Karriere prägend war. Von zentraler Bedeutung für Flanagans bildhauerische Ausdrucksweise ist die skurrile und menschenähnliche Qualität seiner Hasen, wie sie in der dynamischen Darstellung eines solchen Wesens auf einem Kricketstumpf in The Cricketer, 1989, oder in den gestreckten und springenden Hasen von Six Foot Leaping Hare on Empire State, 2002, und Hells Bells, 2005, zum Ausdruck kommt. Flanagans bildhauerische Praxis war Ausdruck seiner temperamentvollen Persönlichkeit, die seine Zeitgenossen oft mit den von ihm dargestellten lebendigen und überlebensgroßen Hasen in Verbindung brachten. Indem er die Mythen und die Folklore der Landschaft in sich aufnahm, eröffnete der Künstler im Laufe seiner einflussreichen und innovativen Karriere eine Vielzahl von Möglichkeiten. 


Barry Flanagan (1941–2009) wurde in Prestatyn, Nordwales, geboren. Der Künstler lebte und arbeitete in London und Dublin und starb in Santa Eulalia del Río, Ibiza, Spanien. Flanagans Arbeiten wurden international in Institutionen und öffentlichen Räumen ausgestellt, darunter Knokke-Heist (2022); Ikon Gallery, Birmingham (2019); Kröller-Müller Museum, Otterlo (2018); Tate Britain (2016 und 2011); Chatsworth House, Derbyshire (2012); Vero Beach Museum of Art, Florida (2008); Kunstraum Deutsche Bank Salzburg (2007); Irish Museum of Modern Art, Dublin, und Dublin City Gallery The Hugh Lane (2006); S.M.A.K. (2005); Kunsthalle Recklinghausen; Musée d'art Moderne et d'art Contemporain, Nizza (beide 2002); Tate Liverpool (2000); Grant Park, Chicago (1996); 54th to 59th Street, New York; University of Iowa Museum of Art (beide 1995); Musée des Beaux-Arts de Nantes (1993); Yorkshire Sculpture Park, Wakefield (1992); Tate, London (1986); Centre Georges Pompidou, Paris (1983); Whitechapel Art Gallery, London (1982); Institute of Contemporary Arts, London (1981); Van Abbemuseum, Eindhoven; Serpentine Gallery, London (beide 1977); und The Museum of Modern Art, New York (1974). Der Künstler vertrat Großbritannien auf der Biennale in Venedig 1982.

Flanagans Werke befinden sich in den Sammlungen des Art Institute of Chicago; Centre Pompidou, Paris; Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington D.C.; Irish Museum of Modern Art, Dublin; Kunsthaus Zürich; The Museum of Modern Art, New York; National Gallery of Victoria, Melbourne; National Museum Cardiff, National Museums and Galleries of Wales; Peggy Guggenheim Collection, Venedig; San Francisco Museum of Modern Art; Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh; Solomon R. Guggenheim Museum, New York; Staatsgalerie Stuttgart; Stedelijk Museum Voor Actuele Kunst, Amsterdam; Tate, London; Tokyo Metropolitan Art Museum; Van Abbemuseum, Eindhoven; Victoria & Albert Museum, London; und Walker Art Center, Minneapolis.


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